Drei Sekunden Jetzt : Roman

Platzgumer, Hans, 2018
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Medienart Buch
ISBN 978-3-552-05885-9
Verfasser Platzgumer, Hans Wikipedia
Systematik DR - Romane, Erzählungen, Novellen (dt.)
Verlag Zsolnay-Verl.
Ort Wien
Jahr 2018
Umfang 251 S.
Altersbeschränkung keine
Sprache deutsch
Verfasserangabe Hans Platzgumer
Annotation Quelle: bn.bibliotheksnachrichten (http://www.biblio.at/literatur/bn/index.html);
Autor: Jutta Kleedorfer;
Ein atemlos erzählter Lebensentwurf auf der Suche nach Identität. (DR)
Es ist die Geschichte eines Findelkinds, das mitten in einem Marseiller Shopping-Center in einen Einkaufswagen gebettet in der Buchabteilung stehen gelassen wird. Erst als Zehnjähriger erfährt der Bub, von den Adoptiveltern Francois genannt, von seiner unbestimmten Herkunft, was seine rastlose existenzielle Suche nach Identität, Liebe und Teilhabe ausmacht. Vorangestellt sind dem Roman zwei Zitate, die das gedankliche Konzept dieser hinreißend erzählten Geschichte skizzieren. Erstens Charlotta Iwanownas Aussage in Anton Tschechows "Kirschgarten": "Ich weiß nicht, wie alt ich bin, und habe immer das Gefühl, ich bin jung. Woher ich komme, wer ich bin, wer meine Eltern waren Ich weiß nichts." Zweitens dann Jean Paul Sartres Resümee: "Der Mensch muss sich sein eigenes Wesen schaffen. Indem er sich in die Welt wirft, in ihr leidet, in ihr kämpft, definiert er sich allmählich." Beide Statements treffen auf das Findelkind Francois zu, der, kaum erwachsen, vor seinen Pflegeeltern flieht und in einem zwielichtigen Hotel an der Küste von Marseille Unterkunft und Arbeit findet. Sein Chef verwendet den jungen Mann bald für obskure Geschäfte. Dies stört Francois nicht weiter, da er sich in dem wenig frequentierten Hotel wohlfühlt. Als jedoch ein Gast Selbstmord begeht, kommt ihm der Auftrag, geheime Papiere nach New York zu bringen, sehr gelegen. In einer Bar verliebt er sich in eine faszinierende Frau, der er gutgläubig nach Montreal nachreist. Ein Schneesturm bringt ihn beinah zu Tode, bis er schließlich den vorgebuchten Flug nach Hause erreicht. In Marseille angekommen, versucht er, sich eine neue Existenz zu schaffen, die schließlich - wie schon so oft in seinem Denken - "in drei Sekunden jetzt" mit einem genial verblüffenden Romanende entschieden wird.
Ein spannender, doppelbödiger und atemberaubender Entwicklungs- und Bildungsroman, der mit literarischer Raffinesse und Leichtigkeit die Selbstfindung wie Selbstentwürfe eines sich entwurzelt fühlenden, prototypischen Menschen beschreibt und gleichzeitig die Suche nach dem essenziellen Lebensentwurf thematisiert.

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Quelle: Pool Feuilleton;
Um sein wahres Leben zu begreifen, muss man sich zwischendurch aus dem Leben hinausträumen. Die Satten träumen dabei vom Abenteuer-Hunger, die Hungrigen vom Abenteuer satt zu sein.
Hans Platzgumer steckt seinen Helden Francois in Marseille in den Status eines Findelkindes. Dadurch ist jede Herkunft möglich und was immer auch geschieht, es ist adoptiertes Verhalten, denn die genetischen Spuren liegen im Dunkeln. Der Ich-Erzähler wird von seiner leiblichen Mutter in einem Einkaufswagen in einem Einkaufszentrum abgestellt, wie in der Videoüberwachung zu sehen ist. Der Held wird der Konsumgesellschaft zur Verfügung gestellt.
Francois ist hell und rothaarig und kann dadurch jede Identität annehmen, nicht so wie seine Freundin Lucy, die im senegalesischen Dakar brutal im Straßengraben ausgesetzt worden ist. Sie ist von ihrer Hautfarbe geprägt und wird immer am Rande der Gesellschaft bleiben. Francois arbeitet an der Rezeption eines zwielichtigen Hotels, das Umschlagplatz für kriminelle Geschäfte ist. Als sich ein Gast im besten Zimmer mit Meerblick erschießt, kapiert Francois das Leben als Kurzformel: Die Gegenwart besteht aus drei Sekunden, sie gilt es zu meistern.
Für ein Geldwäsche-Geschäft wird Francois nach New York geschickt, wo er nach dem Banktermin ein paar Tage anhängen darf. Dabei entgleist er, als er in einer Bar Anna aus Montreal kennenlernt. Wie in Trance folgt er ihr nach Kanada, um letztlich vor einem riesigen Klingelbord einer Wohnanlage zu scheitern. Er bildet sich ein, dass sie Anna Domini heißt, aber unter diesem Namen ist niemand zu finden. Völlig am Sand erreicht er den rettenden Heimflug nach Europa und empfindet Marseille für Augenblicke als Heimat. Er klaut ein wenig Überlebensgeld und gibt es Lucy, die es für eigene Zwecke verwendet. Geld muss fließen! lautet die Parole, um jeweils die nächsten drei Sekunden zu überstehen.
Bei einem dramatischen Spaziergang an der Küste verletzt er sich und wird ein Helikopter-Notfall. Jetzt ist auch die letzte Kohle weg. Der Kuss für die Ewigkeit, der Suizid-Griff an die Schläfe, der Sturz in die Tiefe, es sind immer die drei Sekunden Jetzt, die das Leben ausmachen.
Hans Platzgumer, der Meister der überraschenden Wende, gibt dem Roman auf den letzten Seiten noch eine Drehung, die Erzählposition, Plot und Lebenserfahrung in einem neuen Licht aufblenden. "Wann immer mir dieses Leben, das ich führe, nicht genug ist, denke ich mir andere hinzu." (251) Das Sich-Hinausdenken aus der kleinen Welt in eine andere, aufregendere, abenteuerliche ist ja die edle Aufgabe der Literatur.
Helmuth Schönauer
Exemplare
Ex.nr. Standort
8537 DR, Pla

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